Mittwoch, 23. April 2014

Mob Justice: Die "Gerechtigkeit" der Strasse

Es war Donnerstagnachmittag, Mark und ich verliessen die Universität, weil ich meinen letzten halben Tag unterrichtet hatte und wir nach Ntungamo reisen wollten. Bevor es losging, musste ich noch mein Mobiltelefon reparieren lassen, weil ich es am Abend zuvor hatte fallen lassen und das Display gesplittert war.
Wir fanden einen Shop, wo das für 150'000 Schilling machbar war. Zuerst schaute ich mich nach einem neuen Telefon um, die Händler hatten aber nur irgendwelche Chinesischen Telefone, welche auf mich einen schäbigen und unhandlichen Eindruck machten. Also entschied ich mich, mein Telefon reparieren zu lassen und kein neues zu kaufen.
Während der Reparatur mussten wir etwas mehr als eine halbe Stunde warten, weshalb wir die Zeit nutzten, noch etwas in Mbarara herum zu gehen. Mark musste noch etwas Geld abheben, also gingen wir zu der DTB Bank (Diamond Trust Bank), welche etwas ausserhalb des Zentrums liegt (wenn man denn überhaupt von einem Zentrum sprechen kann, Mbarara ist nicht sehr gross, hat laut Wikipedia ca. 80'000 Einwohner).
Wir erreichten die Bank, Mark bekam sein Geld und dann gingen wir zurück, um mein Telefon abzuholen und nach einem Taxi nach Ntungamo zu suchen. Auf dem Weg zurück wurden wir Zeuge von einer brutalen Aktion mehrerer Leute.
Wir sahen zwei Männer, die versuchten einem Dritten den Rucksack zu stehlen. Das gelang ihnen auch, indem sie dem Mann den Rucksack einfach vom Rücken rissen, doch weit kamen die Diebe nicht. Mehrere Passanten hatten den Diebstahl beobachtet und kamen angerannt. Sie hielten die Räuber auf, die natürlich versuchten, sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen.
Doch daraus wurde nichts. Die Leute fingen an herumzuschreien, diese beiden Männer seien Diebe und müssten bestraft werden. Immer mehr Leute kamen hinzu, umringten die beiden Räuber und fingen an, diese mit Fäusten und Tritten zu traktieren.
Am Schluss waren da bestimmt 20 Mann gegen die beiden. Sie liessen ihr Diebesgut fallen und versuchten sich so gut es ging mit den Armen vor den Schlägen der Menge zu schützen. Natürlich konnten sie längst nicht alles abwehren und die Situation für sie wurde immer drastischer. Nun fingen einige Männer an, mit Ledergürteln auf die beiden einzuprügeln. Einige umstehende Leute suchten sich Steine und schmissen sie gegen die Diebe, wenn immer sich die Möglichkeit bot, diese auch zu treffen. Ich spreche hier nicht etwa von kleinen Steinen... Das waren richtige Brocken teilweise!
Mark und ich beobachteten das Ganze, mir war aber etwas unwohl dabei, trotzdem konnte ich meinen Blick nicht von dieser Szenerie abwenden.
Schliesslich gelang einem der Diebe die Flucht und er rannte wie von der Tarantel gestochen davon, offenbar hatte er nicht allzu viel abgekriegt, denn immerhin konnte er ja noch rennen! Seinem Komplizen erging es weit schlechter. Er konnte sich kaum noch aufrecht halten und die Menge prügelte weiter auf ihn ein. Sein Kopf war ganz angeschwollen, Blut spritzte aus seiner Nase und aus Wunden in seinem Gesicht, die vorderen Zähne hatten sie ihm alle ausgeschlagen...
Etwas befremdlich war, dass sehr viele Leute diesem Mob von Zwanzig zuschauten und keinen Deut Mitleid, Erschrecken oder Hilfsbereitschaft zeigten. Nein, einige lachten sogar, zeigten auf die Diebe und meinten, diese würden ihre gerechte Strafe kriegen. Mark und ich gingen nachdem der verbleibende Dieb nur noch auf allen Vieren herumkroch und schrie wie am Spiess... Was aus ihm geworden ist, wissen wir nicht.

Mark erzählte mir später, dieses Phänomen nenne man "Mob Justice", also die Gerechtigkeit einer Menge, eines sogenannten Mobs. Die Polizei würde oft nicht viel gegen Diebe und Verbrecher unternehmen, weshalb die Leute halt selber gegen diese vorgingen.
Früher sei es aber viel schlimmer gewesen, erläuterte er mir weiter, manchmal hätten die Leute die Diebe auf den Boden gelegt und seien mit Motorrädern über sie drübergefahren... Später erzählte mir eine Frau, die ich in Kampala kennengelernt hatte, ihr Nachbar sei auch von einem Mob gerichtet worden.  Er hätte manchmal in der Nachbarschaft Dinge gestohlen und eines Nachts seien die Leute durchgedreht und hätten ihn auf die Strasse hinausgezerrt. Dort hätten sie drei grosse Reifen über ihn gestülpt und ihn danach mit Benzin übergossen und angezündet... Er ist elendlich verreckt, anders kann man das ja nicht sagen. Sie habe alles mitansehen müssen...

Ich habe noch ein Video aus Kampala gefunden, wo man einen Mob sieht, der die Gerechtigkeit selbst in die Hand nimmt. (ACHTUNG: Ist nicht unbedingt für Kinder geeignet :))

Mob Justice in Uganda

Das wars soweit und bis zum nächsten Mal. Der nächste Eintrag lautet: Die Legende von Ntungamo. Ihr dürft gespannt sein!

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